Rundumschlag

Nun sind zwei Tage vergangen, nachdem ein geistiger Vollpfosten seines Lebens überdrüssig war, dabei meinte, 15 andere Menschen mit sich reißen zu müssen und dadurch Hunderte von anderen Menschen in tiefe Trauer um ihre Verwandten zu stürzen. Das Geschehene ist schlimm, so schlimm, daß mir eigentlich die Worte fehlen.

Leider fehlen einigen “Journalisten” nicht die Worte. Ich setze die Berufsbezeichnung in diesem Fall extra in Anführungszeichen, denn so manch einer verdient die Bezeichnung Journalist einfach nicht. Man langt auch nicht alles was auf der Straße liegt, ohne Zange an. Und was sich in deutschen Medien seit Mittwoch so als Journalismus getarnt hat, verdient über weite Strecken einfach nicht die Bezeichnung.

Stellvertretend für viele Blogs, welche die sinnbefreite und zwischen Sensationsgier und Pauschalurteilen schwankende Berichterstattung bemängelt, hier der Kommentar von Patrick Beser:

Nach dem Attentat in Winnenden und den Erklärungen verschiedener Psychologen und so genannter „Amok-Experten“ (wusste gar nicht, dass es soetwas gibt), hab ich ein kleines bisschen Angst bekommen. Nein, nicht vor einem weiteren Attentat, gegen das Schüren von Angst (Terror-Anschläge, Amok-Läufe, etc.) bin ich inzwischen halbwegs resistent.

Viel mehr geht es um die Klischees, die wieder ausgepackt wurden. Es wurde erzählt, dass es ein typischer Fall sei: „Killerspiele“ (der Begriff ist so reich an Polemik, dass er eigtl. so nicht in die Presse gehört), Horrorfilme, Soft-Air-Waffen, Internet. All diese Dinge seien mitverantwortlich und typisch für Amok-Läufer.

Warum macht mir das Angst? Weil ich mich frage, ob ich auch zum Amok-Läufer werde. Immerhin handelt es sich ja um Amok-Experten, die das analysiert haben, die werden’s ja wissen! Ich habe in meinem Leben auch schon „Killerspiele“ gespielt, habe sogar schon Horrorfilme gesehen, ich hab auch mal kurzzeitig eine harmlose Soft-Air-Waffe besessen, um damit mit Kollegen im Büro eine heimtückische Gegenseitig-auf-die-Waden-Schießerei zu veranstalten. Und ja, ich bin sehr oft im Internet unterwegs. Ich bin also gefährdet. Oder gefährlich, je nachdem.

Es wäre schön, wenn man sich mal von diesen Klischees lösen könnte. Es kommt doch nicht auf einzelne Details an, es kommt auf das Gesamtbild an. Natürlich muss man sich um Menschen Sorgen machen, die 14 Stunden am Tag ununterbrochen nur noch „Killerspiele“ spielen und Horrorfilme gucken, keine Freunde mehr haben und sich in eine Art Parallelwelt flüchten (wenngleich das auch noch keine Indizien für einen Amok-Läufer sein müssen). Nur gehört da ein bisschen mehr zu. Ich find mich ja auch nicht übermorgen urplötzlich in einem dunklen Kellerzimmer wieder, feststellend, dass ich mir schon seit 14 Stunden Horrorfilme reinziehe. Es gibt anderweitige Gründe dafür, die vor allem im Zwischenmenschlichen liegen.

Wer diese Probleme nicht hat und über einen stabilen Charakter verfügt, der kann in der Tat auch Horrorfilme gucken und hin und wieder „Killerspiele“ spielen, ohne sich an der Gewalt ergötzen zu müssen und ohne direkt zum Amok-Läufer zu werden.

Bitte, liebe Amok-Experten, Differenzieren statt Inkriminieren!

Aber auch wenn die “Journalisten” nicht “Experten” interviewen, fällt ihnen nicht viel ein, ein kleiner Rundumschlag an lesenswerten Beiträgen über einige Totalausfälle der Berichterstattung:

Hannos Blog, der einfach mal eine Nachrichtensendung nachstellt.

Stefan Niggemeier über den ARD (bzw. SWR)-Brennpunkt.

Robin Mayer-Lucht auf Carta, ebenfalls über die ARD.

March 13, 2009 Comments (View)

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